1916 Sibirien

Gefangenenlager Sibirien, hintere Reihe 3. von links: Carl Albert Lange

„Du hast kein Tagebuch geführt, aber deine Gedichte sprechen Bände. Eine weitere Quelle fiel mir aus den Nachlasskisten in die Hände: Elsa Brändströms Buch „ Unter Kriegsgefangenen in Russland und Sibirien 1914 – 1920“. Es war schon arg zerfleddert und beim Lesen zerfiel es mehr und mehr. Schade, denn es hatte sogar eine Widmung der Verfasserin.
Trotz der Haager Konvention, die den Kriegsgefangenen viele Rechte und eine gute Behandlung einräumte, ging es den Deutschen in Sibirien deutlich schlechter. 25 Prozent der Kriegsgefangenen starben in den Lagern. Teilweise mussten sie spärlich bekleidet bei tiefen Minustemperaturen draußen arbeiten, z. B. an der Murmanbahn. Einige hatten nicht einmal festes Schuhzeug.
Bei der Schlacht von Przasnysz im Februar 1915 wurdest du gefangen genommen. Vielleicht hat das dein Überleben gesichert, denn auf beiden Seiten starben je ca. 100.000 Soldaten.
Auf dem Transport nach Sibirien waren nicht einmal genug Unterkünfte, so dass viele von euch im Freien übernachten und auf den Weitertransport warten mussten. Zunächst waren es 4600 km bis Tomsk. Später bist du in Tschita gelandet, noch einmal 2500 km. Für einen Weltenbummler wäre es in der kurzen frostfreien Zeit von sechs Wochen bis zu drei Monaten eine zauberhafte Landschaft östlich des Baikalsees gewesen. Azaleen, Orchideen, Tulpen, Lilien, Nelken und Edelweiß blühen. Die Natur explodiert. Aber für euch war es sicher die Hölle. Der Winter ist mindestens neun Monate lang und bis zu – 60° C kalt. Für uns unvorstellbar.
Der Transport ging in Viehwaggons vonstatten. In der Mitte stand, wenn es hoch kam, ein Kanonenofen, in dessen Nähe eine starke Hitze entstand, während es an den Außenwänden fror. Die Waggons waren völlig überfüllt und die Fahrt dauerte manchmal mehrere Monate.
Was du im Lager gemacht hast, weiß ich nicht genau. Teilweise wohl gar nichts, was auch sehr schlimm war, denn die Langeweile muss entsetzlich sein.“

Zusammenstellung von Erika Lange, Enkelin von Carl Albert Lange

Einen Eindruck des Lagers vermittelt diese Zeichnung von Fritz Diehl, der mit Carl Albert Lange im Lager Pjestschanka kriegsgefangen war.

Ein Tagebuch über die Gefangenschaft in Russland ist auch hier zu finden.

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