In meiner Sprache

EInbandentwurf: Charlotte Tiede

Eröffnung

So sei denn nun euch aufgetan
das Innre meiner Galerie,
in der ich nach geheimen Plan
gehängt die Stücke von Genie.

Copien in meiner Sprache schrieb
ich rings euch an die Wand im Saal,
wehrt dir, dem die Copie nicht lieb,
doch keiner das Original.

Mich drängte es, den fremden Text
gleichwie ein Abziehbild so schön
mit Fleiß erfühlt, geglückt, verhext
"in mein geliebtes Deutsch" zu sehn.

Auch manches anderen "Copie",
die mich, weil sie mißglückt, geniert,
hab' ich mit derber Ironie
und dreistem Pinsel retouchiert.

Dem Kenner biet' ich manchen Spaß
und manchem Spießer auch Verdruß,
wofür er doch nach Recht und Maß
nicht höhern Eintritt zahlen muß.

Das Märchen vom Dialekt

Die Sage geht, es habe der Herr
die menschliche Sprache, bevor sie auf Erden,
zunächst noch im Sack einer Wolke bewahrt,
noch tauschten die Menschen nur stumme Gebärden.

Die Engel, so heißt es, bewachen den Sack
in des Himmels geheiligter Halle,
doch einer von ihnen, der Luzifer hieß,
der ritzte ein Loch ihm mit heimlicher Kralle.

Da fauchte die Sprache und schnalzte sich los,
und die Engel vor lauter Entsetzen,
sie packten verkehrt sie bei Kehle und Schwanz
und rissen den Leib ihr in Fetzen.

Doch jeglicher Fetzen ward wiederum Mund,
ward Schrei aus sich spaltender Lunge,
und der Sptrach, die eben im Wort noch geeint,
in Zungen zerrann ihr die Zunge.

Die Engel, sie stopften entsetzt und bestürzt
in Säcke hinein das Gewimmel,
da nahte der Herr und er sah den Tumult
in seinem geheiligten Himmel.

Wiet über die Erde ließ leeren er aus
der Sprache gesonderte Glieder,
da teilte die Menschheit in Völker sich,
von Sprachen hallte sie wider.

Doch, was in den Säcken zuletzt noch verblieb
an Züngelchen immer noch kleiner,
das streuten die Engel als Mundart aus,
ein Fremdwort zwar nennt es noch feiner.

(Freie Variante einer in John Knittels „Via Mala“ mitgeteilten Graubündener Sage)

In meiner Sprache: 28


Baudelaire – Der Wein des Einsamen

Das Lächeln dieser Frau, das wundersame,
das sanft mich streift mit seinem bleichen Licht
dem Monde gleich, der eilt, daß sein Gesicht
des TEiches einsam schwarze Flut umrahme,

der letzte Trumpf dort in des Spielers Miene,
des Lärvchens Kußhand so verquält und leer
und bang, als ob die Welt am Ende wär',
des Qualorchersters müde Violine,

das alles wird zu nichts, erlauchte Flasche,
wenn ich die holden Geister mir erhasche,
die dem poeten fromm du zugedacht.

Er dankt es dir, dies sinnvoll wahre Leben,
mit jenem Stolz, der Bettlern nur gegeben
und der zu Tänzern sie des Himmels macht.

In meiner Sprache: 36


Baudelaire – Schönheit und Verwesung (Une Charogne)

O, weißt du mein Herz noch, was damals wir beide
am hellen Somertag entdeckt -
das scheußliche Aas bei der einsamen Weide
im Kies des Weges hingestreckt.

Frivol und gemein wie die Dirne im Bette
in einem Dunst von Gift und Schweiß
gespreizt das Gebein, das so lässig kokette,
gab es die nackte Scham uns Preis.

Die Sonne sie stach auf die Fäulnis hernieder,
es schenkte ihre Höllenglut
dem Schoße der Erde so ekelhaft wieder,
was sie geschaffen doch so gut.

Der Himmel, er sah dieses tolle Gerippe
zur Teufelsblume sich erblühn,
es stank so verrucht, daß dir bebte die Lippe,
vor Ohnmacht starrtest du ins Grün.

Die Fliegen umsummten die zottigen Lenden,
und wimmelnd quoll wie ekles Schmeer
durch all den Verfall und all das Verenden
der Larven scharzgeäugtes Heer.

Das alles bewegte bald auf sich und nieder
wie auf dem Meer der Wogenschaum,
fas schien es, als lebten vervielfacht die Glieder
im Hauch sich regend wie im Flaum.

und seltsam durchdrang diese Welt ein Getöne
wie Wasser rinnt, wie Windhauch singt,
wie's Samenkorn sirrt, das in rhythmischer Schöne
im Sieb des Landmanns sinnvoll schwingt.

Die Formen verloren sich halb schon im Traume
der Skizze gleich, die hauchhaft glänzt,
die machtvoll, erblickt er sie wieder im Raume
der Künstler sich im Geist ergänzt.

Im Schutze der Steine die Hündin sie stierte
uns ruhlos an mit scheelem Blick,
obschon sie voll Gier am Skelett nur fixierte
den guten Happen im Genick.

Doch glaub' mir, auch du nun, zu Schmutz wirst du werden
nicht anders als dies pest'ge Stück,
du Stern meiner Augen, du Liebste auf Erden,
mein Engel du, mein einzig Glück.

Ja, das ist dein Los, o du Hehre, du Süße,
wenn nach der letzten Ölung du,
umkränzt von Blumen den Kopf und die Füße,
gesellst dich den Gebeinen zu.

Doch dann, du mein Höchstes, verschweig' nicht dem Wurme,
der deinen süßen Leib erwählt,
daß ich deine Schönheit in liebendem Sturme
dem ew'gen Sternenglanz vermählt.

In meiner Sprache: 71

Ibsen – Die Sturmschwalbe (lyrisches Selbstporträt)

Die Sturmschwalbe nistet am Ende der Küsten,
ein Schiffer verriet mir, was Kinder doch wüßten.

Sie eilt übers Wasser, ein Blitz nur, ein Blinken,
und streift sie die Wogen, sie kennt kein Versinken.

Sie neigt mit dem Tief sich, sie steigt mit dem Turme,
sie schweigt mit der Stille, sie schreit mit dem Sturme.

Das ist wie ein Traum zwischen Schwimmen und Fliegen,
ein toll zwischen Himmel und Abrund Sichwiegen.

Zum Schwimmen zu leicht und zu schwer zum Entschweben,
das ist, Vogel Dichter, dein Schicksal, dein Leben.

Das Schlimmste jedoch, die Gelehrten erklären
das alles nun eben für Schiffermären.

In meiner Sprache: 78


Marie Laurencin (Malerin) – Trost der Verlassenheit

Mehr als tief bekümmert
            traurig,
mehr als traurig
            schmerzzerissen,
mehr als schmerzzerissen
            elend,
mehr als elend noch
            verlassen,
mehr, ach, mehr als nur verlassen
Mehr als tief bekümmert
            traurig,
mehr als traurig
            schmerzzerissen,
mehr als schmerzzerissen
            elend,
mehr als elend noch
            verlassen,
mehr, ach, mehr als nur verlassen
            so allein auf Erden,
mehr als so allein auf Erden
            ausgetoßen,
mehr als ausgestoßen
            tot
und noch mehr als tot
            vergessen.

In meiner Sprache: 83


Anakreon – Der Durst

Es trinkt für sich die Erde,
die Erde trinkt der Baum,
es trinkt die Luft, die blaue,
des Meeres salz'ger Schaum,
es trinkt das Meer die Sonne,
die Sonne trinkt der Mond,
und ich allein soll dursten,
wo nichts als trinken lohnt?

In meiner Sprache: 93


Verlaine – Herbstlied (eine von sechs Fassungen)

Mich läßt so bang,
o Herbst, der Sang
deiner Geigen,
der schluchzt und schreit
vor Traurigkeit,
plötzlich schweigen.

die Stunde schlägt - 
und mich bewegt
nur dies Eine:
Mein Glück, mein Glück
kehrt nie zurück! -
und ich weine.

Und ich geh' fort,
zerzaust vom Nord,
ganz so träge,
wie schwach und matt
ein dürres Blatt
treibt am Wege.

(1911) In meiner Sprache: 94



Beschluss

Das Licht, das hinter all den Lichtern
des Dichtens Urprinzip mir scheint,
den Dichter hinter all den Dichtern,
von denen Stücke hier vereint,
den wollt' ich hier euch ahnen lassen
vermittelst meiner Galerie,
und nun lebt wohl, es schließe sie,
will sonst so recht kein Schlüssel passen,
das Prisma, das ein Gott mir lieh.